Alle sind erschöpft – nur sagt es niemand
Eine Beobachtung aus Tech-Konferenzen, Kollegenrunden und Branchenabenden
Wenn man sich in der Branche bewegt, fällt einem etwas auf. Auf Konferenzen, beim Networking-Bier nach Feierabend, in fachlichen Diskussionsrunden, auf LinkedIn zwischen den Erfolgsmeldungen. Es gibt einen Tonfall, der sich überall leise einschleicht. Halbsätze, kleine Andeutungen, ein "Mann, das war ein Jahr" mit einem Lachen, das nicht ganz hält.
Wenn man genauer hinhört, schwingt überall dasselbe mit: Es ist gerade zu viel. Zu schnell. Zu widersprüchlich. Aber offen ausgesprochen wird es selten. Schon gar nicht in einem professionellen Kontext. Und in der Tech-Branche, in der ich mich täglich bewege, am wenigsten.
Was gerade von Menschen verlangt wird
Schauen wir uns an, was eigentlich auf einem Erwachsenen lastet, der heute mit einem halbwegs anspruchsvollen Job, einer Familie und einem Bekanntenkreis durchs Leben geht. Verantwortung im Beruf übernehmen, Entscheidungen treffen, Mitarbeitende führen – aber bitte empathisch, nahbar, zugänglich. Strategisch denken, operativ liefern. Mit dem Tempo der Veränderung Schritt halten, ohne den Überblick zu verlieren. Und nebenbei die nächste Technologie-Welle einordnen, weil sie dich sonst überrollt.
Gleichzeitig im Privaten: präsent sein. Für die Kinder, für den Partner, für Freunde, für die Eltern. Nicht nur körperlich, sondern auch im Kopf. Echte Gespräche führen, nicht abgelenkt mit dem Handy daneben. Sport machen, weil sonst gehst du körperlich kaputt. Gesund essen, weil sonst gehst du innerlich kaputt. Schlafen, weil sonst gar nichts mehr geht.
Dazwischen all die Widersprüche: leistungsorientiert, aber gelassen. Erreichbar, aber abgegrenzt. Diszipliniert, aber spontan. Ehrgeizig, aber bescheiden. Im Moment leben, aber für die Zukunft vorsorgen. Den Fünfjahresplan haben, aber die Leichtigkeit nicht verlieren. Erfolg haben, aber nicht zu viel zeigen, das wäre ja unangenehm.
Und über dem allen schwebt diese Grundstimmung: Wir leben in einer Zeit, in der nichts mehr garantiert ist. Aber alles abverlangt wird.
Was sich gerade überall beobachten lässt
Auf Fachtagungen kann man Menschen sehen, die in der Kaffeepause kurz die Augen schließen. Führungskräfte, die in den ersten Vorträgen auf dem Handy Mails durcharbeiten, weil sie sonst nicht hinterherkommen. Diskussionen in den Pausen, in denen jemand halb scherzhaft sagt, dass er sich auf den Heimflug freue, einfach mal zwei Stunden nichts.
Im Tech-Umfeld speziell: Slack-Nachrichten um 23 Uhr. Der unausgesprochene Druck, schnell zu antworten. Releases, die immer kürzer getaktet sind. Tools, die schneller wechseln als Menschen sich umstellen können. Der KI-Hype, der jede Woche eine neue Pflichtlektüre produziert. Und dazwischen Veranstaltungen, auf denen die Bühnen Erfolg signalisieren – während in den Gesprächen abseits der Bühne ein anderer Tonfall herrscht.
Auf LinkedIn und in den fachlichen Echo-Kammern: Selbstdarstellung, die wenig Raum lässt für die Realität dahinter. Und gleichzeitig wachsende Beiträge zu Mental Load, Burnout, Reizüberflutung – meist von Menschen, die selbst durch eine Phase gegangen sind und jetzt darüber sprechen. Das Thema kommt langsam ins Sichtbare. Aber im Alltag, im direkten Gespräch, bleibt es noch oft ungesagt.
Warum keiner es ausspricht
Weil offene Erschöpfung in unseren Berufsfeldern wie ein Mangel gelesen wird. Fehlende Resilienz, fehlende Disziplin, fehlende Effizienz. Wer auf einer Konferenz sagt "Ich bin am Limit", riskiert, dass das nächste Mal jemand anderes auf der Bühne steht. Wer das in einer Slack-Runde sagt, bekommt im besten Fall ein "Hold strong" und im schlechtesten Fall gar keine Reaktion mehr.
Also wird optimiert. Früher aufstehen. Pomodoro-Technik. Tools-Setup verbessern. Noch ein Buch zu Produktivität. Noch ein Coach. Noch ein Sprint. Die Idee, dass das Tempo selbst das Problem sein könnte, kommt selten vor.
Das ist kein persönliches Versagen
Was viele als eigene Schwäche lesen – "Ich schaff das nicht, also liegt es an mir" – ist kein individuelles Problem. Das Phänomen hat einen Kern: Wenn zu viele widersprüchliche Anforderungen gleichzeitig auf einem Menschen lasten und die echte Erholung dazwischen fehlt, ist Erschöpfung keine Fehlfunktion. Sie ist die logische Folge.
Sei produktiv, aber entspannt. Sei erfolgreich, aber achtsam. Plane voraus, aber lebe im Moment. Das klingt erst mal wie guter Rat. Aber es sind Gegensätze. Und wenn sie alle gleichzeitig gelten, entsteht ein Druck, der nicht nachlässt – weil man immer irgendetwas davon gerade nicht erfüllt. Man funktioniert, aber man regeneriert nicht mehr. Man schläft, aber wacht müde auf. Man macht Urlaub und ist nach drei Tagen wieder unruhig.
Es geht vielen so. Nicht nur in der Tech-Branche, auch im Gesundheitswesen, in der Bildung, in der Selbstständigkeit – überall da, wo Menschen Verantwortung tragen und gleichzeitig versuchen, ein privates Leben zu führen, das diesen Namen verdient.
Warum es wichtig ist, das auszusprechen
Weil das Schweigen den Eindruck verstärkt, alle anderen hätten es im Griff. Auf Konferenzen siehst du nur die Bühne. Auf LinkedIn nur die Erfolge. In Slack nur die kurzen, professionellen Antworten. Was du nicht siehst, ist die Person, die nach dem Vortrag im Hotelzimmer am Boden liegt. Die Person, die zwischen zwei Calls heimlich heult. Die Person, die seit drei Monaten überlegt, alles hinzuwerfen.
Diese Personen gibt es. Es sind nicht die Schwachen. Es sind oft die, die am meisten leisten. Sie schweigen nur, weil sie das System verstanden haben: In einer Performance-Kultur darf man nicht müde wirken.
Aber wenn alle schweigen, bleibt es Tabu. Und solange es Tabu ist, glaubt jeder, das Problem läge an ihm selbst.
Worum es eigentlich geht
Es geht nicht um Selbstoptimierung. Es geht nicht um die zehnte App für mentale Gesundheit. Es geht darum, ehrlich zu benennen, dass die Bedingungen, unter denen wir gerade arbeiten und leben, für viele Menschen schlicht zu viel sind. Nicht weil sie zu wenig können. Sondern weil das Tempo, die Anforderungsdichte und die Widersprüche zugenommen haben – während die Toleranz, das offen anzusprechen, abgenommen hat.
Solange das Thema im Halbschatten bleibt, wird es als individuelles Problem gelesen. Sobald wir anfangen, es als das zu benennen, was es ist – eine systemische Belastung, die viele gleichzeitig betrifft – verschwindet ein großer Teil der Scham.
Wenn dir also bei jemandem auffällt, dass es gerade nicht mehr aufgeht, hör hin. Nicht aus Pflichtgefühl, sondern weil ein einziges ehrliches Gespräch oft mehr verändert als jede To-do-Liste mit Selfcare-Vorschlägen. Und wenn es dir selbst gerade so geht, sprich es aus. Nicht überall, nicht mit jedem. Aber mit den Menschen, denen du vertraust. Das ist kein Eingeständnis. Das ist Ehrlichkeit.